Verlagsgruppe Oetinger

Herumwandern und zurückblättern

Truus Matti spricht mit Siggi Seuß über ihren Debütroman „Bitte umsteigen“

Truus Matti (geboren 1961) lebt in Rotterdam und arbeitete als Verlagsredakteurin und Lektorin, bevor sie zum Schreiben kam. Die Lebensgefährtin des „Krawinkel & Eckstein“-Schöpfers Wouter van Reek hatte nun mit „Bitte umsteigen“ ihr relativ spätes literarisches Debüt.
Der Roman handelt von den Mühen eines zwölfjährigen Mädchens, den Tod des geliebten Vater zu verkraften. Die Mutter ist Sängerin, der Vater war Trompeter. Er war mit seinem Salonorchester auf einem vom Ensemble aufgetakelten Schiff in der Adria unterwegs, als es passierte: Er ertrank beim Baden. Das Mädchen leidet nicht nur unter dem Verlust, sondern unter der Vermutung, ein Brief an den Vater, in dem es sich bitterlich über dessen Unzuverlässigkeit beklagt, habe zum Unglück beigetragen.
Wie Truus Matti ihrer kleinen Heldin zum Gebrauch der Einbildungskraft verhilft, ist ungewöhnlich und es ist spannend - und beim ersten Lesen auch rätselhaft, denn es werden zwei Geschichten parallel erzählt: Die eine ereignet sich in der Wirklichkeit, in der das Mädchen selbst von ihrem Leben berichtet. Die andere spielt in einer Art Parallelwelt mit surrealen Zügen: Ein namenloses Mädchen ohne Erinnerung stolpert in einer trostlosen Landschaft in ein einsames Hotel, in dem es von zwei mannsgroßen Tieren bedient wird, von einer sprechenden Ratte und einem sprechenden Fuchs. - Siggi Seuß hat die Schriftstellerin in Amsterdam getroffen.

 

Gibt es in Ihrem ersten Roman eine Botschaft?

Ja, vielleich hab ich eine Botschaft - aber keine eindeutige. Aus diesem Grund schreibe ich nicht. Ich schreibe, weil es mir Spaß macht. Ich hatte schon lange die Idee, ein Buch zu schreiben und eine wirkliche Welt zu entwerfen. Natürlich lese ich eine ganze Menge Bücher und schaue mir Filme an. Aber ich hab nicht wirklich bewusst versucht, etwas daraus zu machen.

Lesen und Schreiben - sind das für Sie zwei verschiedene Welten?

Ich glaube, dass Lesen und Schreiben nicht so ganz weit voneinander entfernt sind. Lesen - das ist eigentlich beinahe eine Art des Schreibens. Schon als Kind las ich viel und ich liebte Bücher, in die man wirklich hineingehen konnte, also, Bücher, die eine ganze Welt in sich trugen. Als Kind hab ich immer Wege gesucht, um in die Welt des Buches, das ich gerade las, einzudringen. Auch in Büchern, die gar nicht so interessant waren, hab ich für mich eine Welt aufgemacht. Ich hab sie mir vorgestellt. Das ist eigentlich genau das, was ich auch tue, wenn ich schreibe.

Ist Schreiben für Sie ein einsames Gewerbe?

Wenn es einen Leser meiner Geschichte gab, war ich es selbst. Ich habe, zum Beispiel, einen Tag lang das erste Frament geschrieben und dann habe ich es zur Seite gelegt. Erst viel später - als ich  wirklich gern ein Buch schreiben wollte - hab ich gedacht: „Was ich brauche, ist Neugier, um mich selbst weiterzutreiben. Ich muss so neugierig sein, dass ich wirklich wissen will, was geschieht.“

Die Ratte, der Ihre kleine Heldin in einer seltsamen Parallelwelt in „Bitte umsteigen“ begegnet, scheint in dieser Hinsicht ja ganz schlau zu sein, in ihrer Art, etwas zu entdecken. Zitat: „Ich sage immer: Suchen geht am besten, wenn man nicht sucht. Die Kunst ist, sozusagen genau danebenzuschauen. ... Dann sieht man, was man sieht, und nicht, was man glaubt, sehen zu müssen. Und, schwups, findet man genau, was man sucht. Aber dann, ohne zu wissen, dass man es sucht.“

Ich denke, man sucht doch, aber nicht so ganz. Man sucht, ohne zu wissen, was man finden will. Und deshalb glaube ich, dass Fragen wichtiger sind als die Antworten. Also, ich habe eigentlich eine Geschichte geschrieben, in der man herumwandern und zurückblättern kann, um Orte und Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. - Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das mit einem großen Problem konfrontiert wird, das sie und ihre Mutter in eine Krise stürzt. Sie wird damit konfrontiert und muss selbst eine Lösung, einen Weg aus dem Stillstand finden. Und für mich ist das Wichtige, dass sie einen eigenen Weg findet und dabei ihre Kraft der Fantasie nützt.

Da fallen mir noch ein paar schöne Sätze aus der Geschichte ein: „Bei einem besonders schönen Buch warte ich manchmal eine ganze Weile, bevor ich es zu Ende lese. Weil ich es nicht verlassen möchte. Dann habe ich Angst, die Geschichte könnte einfach ohne mich weitergehen. Und gleichzeitig verstehe ich nicht richtig, wie mir etwas fehlen kann, das es eigentlich nicht gibt.“

Für mich ist ganz wichtig, dass die Imagination eine Art Macht oder Kraft ist, die natürlich jeder auf seine Weise hat und nützt.

Man hat den Eindruck, Sie - als Debütantin - tasten sich an der Seite des Mädchens oder vielleicht im Mädchen selbst durch diese fremde Welt.

Das Schreiben war für mich eine ganz neue Herausforderung. Das ist in die Geschichte auch hineingekommen. Ich glaube, das ist ein bisschen so wie ich gelesen habe als ich noch ein Kind war. Wir wohnten in einem kleinen Haus und waren eine große Familie und ich hatte eine kleine Ecke, wohin ich mich mit meinem Buch zurückziehen konnte. Ich liebte es wirklich, dort ins Buch hineinzutauchen. Damals hatte ich nicht so viele Bücher. Deshalb hab ich sie manchmal gelesen und noch mal gelesen. Was mir gefällt: Wenn man ein und dasselbe Buch Jahre später noch einmal liest, dann lernt man auch etwas über sich selbst. Es ist nicht mehr dieselbe Geschichte wie früher. Die Geschichte hat sich geändert, weil sich der Leser geändert hat.

In „Bitte umsteigen“ spielt Musik eine große Rolle - zumindest im Hintergrund. Das Mädchen, das in diesem seltsamen Hotel in einer öden Landschaft gestrandet scheint, hört ein paar Etagen über seinem Zimmer immer wieder eine kleine Melodie von Johann Sebastian Bach.

Ich hatte einen sehr praktischen Grund, diese Passagen einzubauen. Ich liebe es, im Stillen zu arbeiten, aber im Zentrum von Amsterdam, wo ich damals wohnte, war es alles andere als still.  Also brauchte ich etwas, das diesen Straßenlärm dämpfte und ich habe versucht, Musik zu finden, bei der ich gut arbeiten konnte. Und die einzige, bei der das gut ging, war Bachs „Wohltemperiertes Klavier“. So ist die Musik in die Geschichte hineingeschlichen, mehr oder weniger.

Es gibt in Ihrem Roman - und zwar in der Abteilung „reale Welt“ - zwei Hoffnungsträger, die dem Mädchen Orientierungshilfen geben: ein alter Musikerkollege des Vaters, Malakoff, und am Ende - eine zufällige Begegnung am Rande - einen Busfahrer, der das Mädchen bemerkt, nachdem es stundenlang an einer Haltestelle saß. Er nimmt es schließlich mit und lässt es an einer „Sonderhaltestelle für Notfälle“ aussteigen. Gibt es - metaphorisch gesehen - für desorientierte Menschen zu wenige freundliche Busfahrer, die Nothalte ansteuern?

Da hat sie wirklich ganz viel Glück gehabt, dass sie im richtigen Moment dieser Busfahrer entdeckt hat. Ich weiß nicht, ob es genug von ihnen gibt. Ja, aber manchmal ist er eben da, dieser Busfahrer, der im richtigen Moment hilft. Vielleicht gerade dann, wenn man ihn nicht sucht.

Und gibt es zu wenige Malakoffs?

Vielleicht braucht es eine gewisse Offenheit, um ihnen zu begegnen.  Jeder Leser hat ja auch nur ein paar Bücher, die genau in seinen Kopf passen. Also, vielleicht kann man sagen: Ein Buch kann ein Malakoff sein, für den einen oder für die andere.

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